Der Wein und der Wind

DIVERSE KINOS
14.08.2017
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„Burgund ist kein Land, Burgund ist das Leben“, so der ehemalige französische Präsident François Mitterand. Das sprichwörtliche „savoir-vivre“ scheint in der seit den Römern gehegten Kulturlandschaft ein Lebensprinzip. Sanfte Hügel, ein Mosaik aus ummauerten Weinbergen, sattgrünen Wäldern und Wiesen, dazwischen romanische Kirchen. Nicht zuletzt genießen Burgunder Weine einen legendären Ruf. Der Region, die als goldene Mitte Frankreichs gilt, widmet Ausnahmeregisseur Cédric Klapisch sein Feel-Good-Movie.
Nach der Erasmus-Stipendiaten-Trilogie „L´Auberge espagnole“, dem Zusammenprall der Welten eines Börsenmaklers und seiner Putzfrau in „Mein Stück vom Kuchen“, begeistert der 55-Jährige erneut mit einem authentischen Sozialporträt. Wie in seiner charmanten Stadtteilstudie „Jeder sucht sein Kätzchen“ erzählt er unaufgeregt und trotzdem spannend vom wirklichen Leben. „Ein Weinberg im Burgund ist der Kaviar in der kriselnden Landwirtschaft“, weiß der Weinliebhaber. Mit seinem Vater besuchte er regelmäßig die Gegend. Die Bodenpreise sind inzwischen explodiert. Eine Entwicklung, die in seiner Familiensaga die Dramaturgie bestimmt.

Spätsommer im Burgund. Die Weinernte steht bevor. Der dreißigjährige Jean (Pio Marmaï) kehrt nach zehn Jahren der Funkstille auf das idyllische Weingut seiner Familie zurück. Der einstige Globetrotter will sich mit seinem Vater aussöhnen. Doch der ständige Umgang mit der chemischen Keule macht dem bodenständigen Weinbauern im Alter zu schaffen. Im Krankenhaus ringt er mit dem Tod. Jeans Geschwister Juliette (Ana Girardot) und Jérémie (François Civil) versuchten das Gut über die Jahre zu erhalten. Jetzt können sie jede Unterstützung brauchen. Aber alte Wunden heilen nicht so schnell. Zudem kämpft Jean, der sich in Australien als Winzer ansiedelte, mit Schulden und steckt mitten in einer Beziehungskrise.
Bald stehen die drei ungleichen Geschwister vor neuen Herausforderungen. Gemeinsam müssen sie entscheiden, ob die Familientradition weitergeführt werden soll. Falls jeder seiner Wege geht, bedeutet das gleichzeitig das Ende ihres Weinguts. Schon streckt der reiche Schwiegervater seine Fühler aus. Und die 27-jährige Juliette muss, um als Winzerin anerkannt werden, ihren Erntehelfern gegenüber unfreiwillig Härte demonstrieren.
Der einmalige dokumentarische Stil dieses französischen Erzählkinos zeigt sich bei der Arbeit ebenso wie bei der opulenten Feier nach der Ernte. Nicht umsonst drehte Klapisch ein ganzes Jahr lang. Diesen Landstrich im Wandel der Jahreszeiten zu erleben ist ein Augenschmaus. Unaufdringlich vermittelt sein cineastisches Kleinod Momente verlorengegangener Naturverbundenheit. Dazu passt, dass Jean und seine Geschwister sich weigern, ihre Weinreben mit Pestiziden nieder zu spritzen. Eine Einstellung reicht, um diese Botschaft völlig unspektakulär in Szene zu setzen: Das Bild des Nachbarbauern, der auf seinem Traktor mit Gasmaske und Schutzanzug wie ein Außerirdischer anrückt, um die chemische Keule auszufahren.

Luitgard Koch

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Veranstaltungsort

DIVERSE KINOS

80331 München
Quelle: in münchen